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Wir sind HeldInnen!

HeldInnen des Buchhandels

Das Leben besteht aus Kreisen. Manchmal größere, manchmal kleinere.

Meine Großmutter wohnte im 18. Bezirk, Währingerstraße 115 und ich ging im 18. zur Schule, ln die Schopenhauerstrassezu den Schulbrüdern, dann ins Albertus Magnus (eher kurz), dann wieder zu den Schulbrüdern und abschließend ins Marianum, bis sie mich dort auch nicht mehr wollten.

Im Haus meiner Großmutter war eine Parfümerie, die Inhaberin war ihre Freundin, und die war mit dem „Herrn Doktor“ gut bekannt.

Der „Herr Doktor“ war kein Arzt, sondern Inhaber der Buchhandlung Dr. Karl Stropek. Und dort tranken sie oft gemeinsam Kaffee und meine Großmutter deponierte dabei gleich meine Buchwünsche. Abholen war dann meine Aufgabe.

40 Jahre später stehe ich wieder in dieser Buchhandlung, jetzt „Hartliebs Bücher“. Nicht als Kunde, als Verkäufer. Absolutes Neuland.

Ich wurde von Petra Hartlieb gefragt, ob ich an einem Nachmittag gemeinsam mit anderen ihrer Freunde aushelfen kann, damit die ganze Belegschaft in Ruhe ihre Firmenklausur abhalten kann. Ich sagte natürlich sofort „JA“!

So etwas nennt man wohl „Das Schließen eines Kreises“.

Es ist auch ungewohnt, in meinem Alter noch Aufregung ob der kommenden Aufgabe zu verspüren. Aber ich bin nicht allein, ich teile mein selbsterwähltes Schicksal mit vier anderen AushilfsgladiatorInnen.

Ich gehe also durch die Buchhandlung, streiche mit den Fingern und der Handfläche über die Bücher, so als wäre ich ein großer zweibeiniger Scanner und versuche mir einzuprägen, wo wie welche Neuerscheinungen, Kategorien, Editionen, Verlage, Schriftsteller, Klassiker, Kinder- & Jugendbücher, Graphic Novels, Lebens/Gesundheitsratgeber, Lernbehelfe, Schulbücher, Reiseführer, politische & zeitgeschichtliche Sachbücher, Bestellungen in welchem System geordnet sind.

Das ganze System ist für Nichteingeweihte liebevoll als „teilweise widerspenstig“ zu bezeichnen! Und überall ist die Rollleiter im Weg!

Die ersten KundInnen kommen und sind erstaunt, dass nicht das übliche Team vor Ort ist, lesen dann den Hinweis an der Eingangstüre, oder werden schnell aufgeklärt. Fast jeder/jede quittiert es mit „das ist eine super Idee“, oder zumindest mit einem wohlwollenden Kopfnicken. Somit kommt die ganze Sache sofort in Schwung.

Kein Kunde ist ungehalten, niemand grantig oder ungeduldig, weil manches eben heute ein wenig länger dauert. Petra Hartlieb hat gute, brave KundInnen!

Jeder von uns Aushilfen hat ein Hartliebs-Buchhandlungs-Teilwissen, wo welche Bücher liegen, oder wo man ein bestimmtes gesehen – oder zumindest – vermeint gesehen zu haben, eine sogenannte „Buchhandlungs-Schwarmintelligenz“.

Menschlich analog und nicht 0101!

Zwischen den Kundengesprächen geistern immer wieder Fragen durch den Raum „Wo haben wir noch neue Köhlmeier?“, „Hat wer die Strudelhofstiege gesehen?“ „Wie heisst das Buch vom Seethaler, das grad verfilmt werden soll?“, „Hat wer die Lovecraft Neuübersetznug gelesen?“ „Sind die Mathematikübungshefte im Lager?“, „Welcher ist der zweite Band von Percy Jackson?“ „Gibt’s echt ein Comic über Nick Cave?“ „Wo sind grosse Papiersackerln?“ usw.

Ich plaudere mit einem Herren, der Bücher über die politische Entwicklung in Asien sucht, über den Koreakrieg, dann mit einer Dame über „der taumelnden Kontinent“ und empfehle dann jemanden „99 songs“ als „must have“ Plattenübersicht, die in keiner Sammlung fehlen darf.

Alles lief – von uns aus gesehen – sehr gut.

Doch das täuschende Eis der Selbstsicherheit war ein dünnes! Plötzlich eröffnet eine resolute, ältere Dame mit den Worten „Ich suche ein Buch!“ einen Reigen.

Wissen Sie vielleicht den Titel oder den Autor?“

Nein, aber es ist das Buch, das vorige Woche im Fernsehen war. Haben Sie das nicht gesehen?“

Es wird still! Irrlichternde Blicke huschen durch den Raum, jede/r von uns hat die Frage gehört, wir schauen uns gegenseitig an. Auf jeder Stirn der MitstreiterInnen sieht man den neonlichtreklameflackernden Satz aufleuchten „Bitte waass für ein Buch das im Fernsehen war??“

Nach ein paar zähen Schrecksekunden war das Buchhandlungs-Schwarmkollektiv auf den Plan gerufen.

Wissen Sie welche Sendung das war?“

Ja, die immer amAnfang der Woche ist“

In welchem Programm“

Im Deutschen“

Welchem Deutschen?“

Naja halt auf Deutsch im ORF“

Aha“

Und wann?

Am Abend halt“

Wissen Sie zufällig wie die Sendung geheissen hat“

Nein, aber immer mit den beiden komischen“

Aber nicht die ZeitImBildeins, oder?“

Na, das schau ich nie, sind immer die gleichen Katastrophen, aber nachher dann wars!“

Also nach der ZIB!?“

Nein, später, sehen Sie nicht fern?“

Selten

Und der, der das Buch geschrieben hat, hat vorher ein anderes spannendes geschrieben, das verfilmt wurde, wo man auch anrufen konnte. Und jetzt hat in der Sendung so gut geredet, dass ich mir das kaufen will, weil den Film hab ich auch gesehen“

Und sie wissen nicht zufällig an welchem Wochentag“

Sicher! Am Anfang, weil dann bin ich weggefahren“

Wann sind sie weggefahren?“

Am Mittwoch“

OK, dann wars also am Dienstag“,

Ja, oder am Montag“

Gut, weiß wer, ob es im ORF am Montag oder Dienstag eine Buchsendung gibt?“

Das Buchmagazin mit dem Sichrovsky ist auf ORF 3 und war gestern, oder den Kulturmontag!“

Eine erste Spur! „Meinen Sie „Erlesen“ auf ORF 3, das war letzten Dienstag“

Nein, das wars nicht! Da ist außerdem nur einer und der redet immer so eigenartig daher als wäre er betrunken!“

Fehlschlag, Ernüchterung!

Nein, ich mein die Sendung mit den beiden komischen Männern, einer ist Deutscher, der andere immer grantig und gemein“.

Die Schwarmintelligenz ruft fast unisono „Meinen Sie vielleicht Willkommen Österreich?“

Ja, ja, genau das! Mit den zwei komischen“

Hat das wer vorige Woche gesehen, wer war da zu Gast?

Nein nicht gesehen, oder nur anfangs, oder nur zum Schluss, ja da war ein Schriftsteller, aber weiss nicht wer, keine Ahnung, vergessen, hab dann abgedreht, schau ich nie….“

Den Rest erledigte das Internet. 0101 ist manchmal doch recht nützlich!

Die Lösung: Es war Ferdinand von Schirachs neues Buch „Strafe“!

Die Dame war überglücklich – wir auch. Siegesfreudig verabschieden wir sie.

Wir haben gekämpft, waren Untergang und Schmach nahe, standen am Abgrund und haben der Bestie „Buch-Unwissenheit“ in die hässliche Fratze geschaut, aber kämpften uns gemeinsam zurück ins Licht des Kundenrespekts!

Wir waren Helden.

Bis 18h – dann rollten wir die Bücherständer vom Gehsteig ins Geschäft und schlossen ab!

Epilog:

Duhuuu, wir haben wieder eine interne Besprechung und wollte Dich fragen, ob Du an diesem Nachmittag nicht wieder mit ein paar anderen in der Buchhandlung…“

JA“

2 Kommentare

    Hugo Gold sagt:

    Romantisch ist so ein BuchhändlerInnenleben nicht. Und wenn ich meinem Rücken trauen darf, der nach der Arbeit bei Hartliebs ziemlich wehgetan hat, ist es auch irgendwie harte Arbeit. Aber es war schön, auch das Detektivspielen war lustig. Und es hat riesengroßen Spaß gemacht. Aber jeden Tag?
    Hochachtung vorm Hartliebs-Team. Sie leisten erstaunliches.
    Und danke Gregor für den Bericht, der genau zeigt, was los war.
    Aber ich freu mich aufs nächste mal.

    Hugo Gold sagt:

    Nachtrag: Im Gegensatz zum Hartlieb-Team, das im Fancy-Nobellokal sitzungte und völlerte, gabs bei uns weder Kaffee noch Kuchen. Nicht einmal trockenes Brot.
    just saying

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