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November 1989 – die Mauer…

Wenn Sie vor, sagen wir, 1972 geboren sind werden Sie sich wahrscheinlich noch erinnern können, wo Sie am 9./10./11.11.1989 waren als die Mauer „fiel“.
Ich war zu Hause und saß vor dem Fernseher (FS1!) und dachte mir „Schei**e, das darf doch nicht wahr sein?!“
Doch im Gegensatz zu vielen anderen, die jetzt behaupten, ihr erster Gedanke war „da muss ich hin“ war meiner „dort will ich nicht hin“!
Denn: ich war oft dort!
Also nicht in Westberlin, wo es die angesagteste Szene Europas, sondern im – für uns Wiener Jugendliche/Kinder des eisernen Vorhanges – sogenannten „Osten“.
Mein Vater hatte zahlreiche Verwandte und Freunde in Ungarn, Tschechien und eben in Ostdeutschland und nahm mich oft mit.
In diese Länder zu fahren war mir eine Qual, heute würde man salopp sagen „pain in the ass“ – und ich war oft dort, also in Sopron, Vrbno, Praha, Dresden und Leipzig.
Die Unerträglichkeit dieser Reisen war die stundenlange Warterei an grau-braunen Grenzen, die vollkommene Willkür der Bewacher und Zöllner, die einem den Pass abnahmen und damit in kleinen, verrauchten miefigen Kabinen mit kaputten oder schief hängenden Jalousien verschwanden, gepaart mit dem Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Was sie dort in ihren stickigen Kabinen bezüglich meiner Person machten, kontrollierten, orwellmäßig überprüften, vermuteten, hinterfragten und beamtisch festsetzten, war und blieb ein großes Geheimnis.
Irgendwann kamen sie wieder und man konnte in das gelobte sozialistische Himmelreich einreisen – oder auch nicht, weil…, oder man wurde unter Kalschnikowbewachung auf einen abgeschotteten Parkplatz gelotst und das Auto akribisch untersucht, weil… manchmal wurde die Innenverkleidung zerlegt, weil … oder mein Vater verschwand für ein bis zwei Stunden im Zollgebäude, weil … oder …, oder …!
Offensichtlich lebte es sich im real existierenden Sozialismus eher schlecht, denn wir hatten immer Medikamente (Antibiotika!!) , Strumpfhosen, rauchbare Zigaretten und „Erwachsenenmagazine“ mit. Einige dieser Hefte lagen immer im Kofferraum obenauf und wurden sofort von den Zöllnern konfisziert (weil streng verbotene westliche Pfui-Dekadenz!! )- woraufhin sich mein Vater eine schnellere Abfertigung erhoffte.
Wenn ich also nicht mehr wohin und mir was ansehen wollte, dann war es das: die grau verfallen bröckelige, fenstervernagelte, pensionistenverarmte, plattenverbaute, Schlaglöcher penetrierte Situation des real existierenden Sozialismus, egal in welchem glorreichen Bruderstaat auch immer.
Ein paar Monate nach dem Mauerfall jedoch postulierte ein Freund von mir „wir fahren jetzt nach Berlin um das alles dort mal zu checken“.
Dem Druck der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung nachgebend, stimmte ich also widerwillig zu mitzufahren.
Die Zugfahrt fand über die Nacht statt und ging von Wien über Gmünd (Grenze)- Prag-Dresden und Ost-Berlin. Die Reise in den 60er Jahren CSSR Waggons war trostlos sozialistisch, das WC kaputt, und uns half Kampfrauchen in den verschlissenen Abteilen durch die Nacht.
In Ostberlin angekommen sah es natürlich aus, wie in jedem anderen sozialistischen Bruderstaat in dem ich gewesen war: graubraundunklegrün trostlos bröckelige Plattenbauten-Tristesse, ein visuelles Gratisbuffet für jeden depressiven Trinker. Achtung  Baby!

Wir wohnten bei einem Brieffreund auf der Wiener Straße (welch Ironie) am äußeren Rande von Kreuzberg. Eigentlich hausten wir, denn er hauste auch mit seinen Freunden dort. Ein angesagtes Berliner Lebenskonzept der 80er Jahre – aber nicht meines.
Wir trieben dann nächstens wie Quallen durch die angesagten Lokale, lernten nette und nicht so nette Leute kennen, wurden als Szenetouristen taxiert, alles war offen, neu, unbekannt, spannend und ganz anders als in Wien, wir rauchten Kette, tranken umso mehr, verloren uns, fanden uns zufällig wieder, verloren uns wieder, hatten Streit, eine Art volkskulturelle Schlägerei, überall war alles überfüllt, jeder beobachtete jeden, ob er ein Künstler ist/sein kann oder wird und ob man es heute/morgen/in Zukunft „bringen“ würde.
Gruppen bildeten sich für ein paar Stunden, umkreisten sich, beschnüffelten sich wie Hunde und gingen wieder auseinander, schliefen in einem besetzen Haus, was noch schlimmeres „Hausen“ war als bei dem Brieffreund, und kamen dann doch immer wieder in der Wiener Straße zusammen.
An den, durch die Nächte geschuldeten, verkürzten Tagen war das Überschreiten der DDR Grenze für mich immer mit einem ablehnend mulmigen Gefühl verbunden (sie wissen schon …), obwohl die Grenzer kaum kontrollierten und wenn, dann nur aus lascher Langeweile, denn zu sagen hatten sie nichts mehr.
Die alles beherrschende Mauer stand ganz einfach überall präsent herum, wie der Monolith in „Odyssee im Weltraum“.
Wir machten auch keine lustigen Mauerbilder, denn die Mauer war vor unserer Geburt da und würde sicher in 5/10/20 Jahren noch immer dastehen. Warum also Fotos machen? So die Theorie des Jahres 1990!
Ostberlin wirkte dagegen teilweise wie ausgestorben, offenbar waren alle in den Westen geströmt, um die Ostberliner Tristesse durch die Westberliner Tristesse auszutauschen. Die, die blieben, bewegten sich für uns zögerlich, so als ob sie wieder lernen mussten, zwanglos im öffentlichen Raum präsent zu sein.
Die Zugverbindungen endeten vor der Ost/West-Grenze und man musste zu Fuß umsteigen, um in die jeweilige Richtung weiterfahren zu können.
Die Plattenbausiedlungen wurden von trostlos bröckeligen Fassaden heruntergekommener Gründerzeithäuser herausgefordert
.
Überall lag Dreck herum – im Osten nicht!
Im Westen strömten und taumelten die befreiten DDR Bürger herum und starrten auf die Konsumgegenstände der Warenhäuser, die ihrer Meinung nach, ein erfülltes Leben versprachen. Im Osten torkelten die Wessis mit billigen Räuschen in Trabant-Taxis, ließen sich von den Fahrern für ein Schandgeld durch ganz Ostberlin kutschieren (die Osttaxis hatten noch ihr altes Tarifschema) um dann noch wie in besten Kolonialzeiten mit der harten Westmark prahlend in neuen Ostberliner Bordellen einzufallen – die ersehnte Verbrüderung zu feiern.
Ich war froh nach zwei Wochen – diesmal in einem miefigen graubraundunkelgünen DDR Zugabteil – wieder Richtung Wien zu sitzen!
Das WC funktionierte auch diesmal nicht!

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