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Not my government!

Was für eine Frau! Also man wusste das ja schon, wenn man ihre Romane und Essays gelesen hat oder ihre Reden verfolgt. Aber dann steht sie vor einem: groß, mit einem schwarzen Kleid, tollen Schuhen, einem roten Tuch als Turban um den Kopf geschlungen, und meine somalische Freundin Suad, die mich zur Preisverleihung nach Salzburg begleitet hat, ist im Glück: „Ich bin nicht die einzige schwarze Frau mit einem Tuch auf dem Kopf“, flüstert sie mir breit lächelnd zu. Und dann reden wir mit ihr, Zadie fragt Suad nach ihre Lebensgeschichte und Suad erzählt ihre Odyssee durch viele Länder. Natürlich tauschen die beiden ihre Mailadressen aus!

Zadie Smith,die am Freitag den österreichischen Staatspreis für europäische Literatur verliehen bekommen hat, ist eine außergewöhnliche Frau. Die Preisverleihung am Nachmittag des Tages der Eröffnung der Salzburger Festspiele, Mozarteum. Ein Saal voller honoriger Menschen, Kulturschaffende, Verleger, Theaterdirektoren, der Landeshauptmann. Alle warten still auf Minister Gernot Blümel, der fünfzehn Minuten zu spät kommt. Zadie Smith sitzt in der ersten Reihe, erst wartet sie genauso geduldig wie der Rest im Saal und dann lauscht sie aufmerksam Blümels Begrüßungsworten, die ihr von einer Übersetzerin hinter ihr eingeflüstert werden. Belanglose Worthülsen, ein paar Plattitüden.

Bei der Überreichung des Preises tritt der Minister bestimmt auf, zeigt der Preisträgerin mit einer herrischen Geste, wohin sie sich stellen soll, damit die Fotografen zufrieden sind. Er überreicht ihr die Urkunde, lächelt in die Kameras und gibt der Autorin nicht die Hand. Die Laudatio von Norbert Mayer, Die Presse und dann nützt Minister Blümel samt Büro den kurzen Applaus um den Saal zu verlassen. Ja eh, Festspiele. Ja eh, Ratspräsidentschaft. Ja eh. Wichtige Termine. Er musste schließlich mit den Staatsgästen und vielen HonoratiorInnen schon Mittagessen und am Abend steht auch noch die Zauberflöte auf dem Programm. Trotzdem. Er geht mittendrin, stiehlt sich raus, bevor Zadie Smith auf die Bühne geht und ihre Dankesrede hält.

Das gehört sich nicht, nicht mal wenn Festspiele sind und er der Kulturminister. Denn er ist eben der Kulturminister, der den wichtigsten Literaturpreis des Landes vergeben soll.

Normalerweise ist diese Preisverleihung am Tag vor oder auch einen Tag nach der Eröffnung der Festspiele. Das würde auch Sinn machen, denn der Eröffnungstag ist dicht gedrängt für alle Beteiligten. Doch Minister Blümel hat auf diesem Termin bestanden, nur an diesem Tag, zu diesem Zeitpunkt könne er und es wäre ihm so wichtig, dabei zu sein. Und bleibt dann genau zwanzig Minuten? Hat auf diesem Tag bestanden, obwohl Daniel Kehlmann als Laudator angefragt war und der hätte das sehr, sehr gerne gemacht. Nur just an diesem einen Tag konnte Kehlmann nicht, er hatte eine anderwärtige Verpflichtung, die sich nicht mehr verschieben ließ. Das Büro des Ministers und Herr Kehlmann haben sich sehr bemüht, diese Laudatio möglich zu machen. Doch es musste dieser Nachmittag sein. Und dann kam Herr Minister Blümel fünfzehn Minuten zu spät und ging dreißig Minuten zu früh.

Könnte der Grund gewesen sein, dass er die Rede nicht hören wollte? Hat er sie vielleicht sogar vorher gelesen und wollte sich dieses Sitzen in der ersten Reihe ersparen? Er wäre wohl ein wenig einsam gewesen – nicht so wie damals bei der vielbeachteten Köhlmeier-Rede, da war schließlich die gesamte Regierung versammelt und konnte sich zumindest aufmunternde Blicke zu werfen. Hier wäre er allein gesessen und hätte sich anhören müssen, wie Zadie Smith über ein offenes Europa spricht. Ein Europa, das seit Jahrhunderten ein bunter Mix aus verschiedenen Kulturen ist. Eine Rede, in der die Schriftstellerin ihre eigene Hautfarbe thematisiert, ihre braune Haut in einem Meer aus Weiß, wie sie sagt.

Zadie Smith ist gut vorbereitet, sie weiß, welcher Geist durch dieses Land weht, durch dieses Land, das ihr gerade einen hohen Staatspreis verliehen hat. Sie nennt keine Namen, keine Parteien, verwendet nicht den Begriff „Schließung der Flüchtlingsroute“, spricht nicht über die Festung Europa und die rechten Allianzen, die die Nationalstaaten wieder stärken wollen. Sie erzählt von der Schlagkraft des Faschismus, der sich auf Gefühle beruft, Gefühle, die geschürt werden, um dann zur Beruhigung einfache Antworten zu präsentieren, denn zum Glück gibt es ja immer welche, die laut aussprechen, was andere empfinden: Blut, Boden, Heimat. Über das spricht sie und über vieles mehr, und der Applaus, den sie erntet, ist laut und ausdauernd. Ein berührender Moment, und gleichzeitig schäme ich mich für die Unhöflichkeit gegenüber Zadie Smith aus tiefstem Herzen.

13 Kommentare

    Anne Pritchard-Smith sagt:

    Bravo, Petra!!!! Schreibst mir aus der Seele. Ein absolut peinlicher Auftritt von BMGB und eine schöne Rede von Zadie Smith. Und übrigens ein super Foto!! Lg, auch an Suad!

    Marianne Fürlinger sagt:

    Danke. Die Einladung zum Fremdschämen nimmt zu 😐

    axel kircher sagt:

    „Kultur“Minister ohne angemessenes Niveau…

    Regina Erben-Hartig sagt:

    Es wundert ja auch das nicht mehr – diese Haltung, die man nicht so nennen sollte, ist notorisch. Unhöflichkeit ist die neue Diplomatie… Entschuldigen Sie bitte, Frau Zadie Smith!

    Norbert Ciperle sagt:

    Die Wahrheit muss dem Herrn Blümel zumutbar sein.
    Die Farce in Regierungsverantwortung nimmt ihren Lauf. Diese Regierung nimmt den Verlust von Menschlichkeit in Kauf.

    Vielen herzlichen Dank für diese Worte des Verstandes.
    Norbert Ciperle, GR in Traiskirchen

    Rüdiger WischenbartN33U sagt:

    Dank dir

    Ingrid Lechner-Sonnek sagt:

    Es ist absolut beschämend, was der Minister sich da geleistet hat! Ich freue mich, dass das hier so klar angesprochen wird. Man kann vom Kulturminister erwarten, dass er Kulturschaffenden zuhört, das ist seine Arbeit. Wenn er sich damit nicht auseinandersetzen will, hat er den falschen Job und sollte sich etwas Anderes suchen!

    martin amanshauser sagt:

    interessanter, guter, erschütternder kommentar. ich hab ihn auf fb verlinkt. das ist charakteristisch für diese politik. feiger hund, muss man auch dagegen sein.

    Bernhard Vass sagt:

    Danke für diese klaren Worte

    Sonja Raab sagt:

    DANKE an all die mutigen Frauen und Männer, die laut aussprechen, was gesagt werden muss. Ich wünsche mir viele Menschen die aufstehen und sich wehren gegen all diese verachtenden, menschenunwürdigen und beschämenden Gestalten in unserer Regierung…

    Werner sagt:

    Großartige Wortspende! Mir aus dem Herz gesprochen!

    Hugo Gold sagt:

    dass man ohne Kultur Kulturminister sein kann, schaffen nur Türkise

    Elisabeth Dibon sagt:

    Ich freue mich sehr über diese klaren Worte, die mir aus der Seele sprechen. Respekt gebührt jedem Menschen und ist ein Grundrecht im Zusammenleben! Wir dürfen nicht aufhören, wachsam zu sein und Verstöße gegen Anstand und Menschlichkeit dieser Art aufzuzeigen. Leider werden sie in den Medien gerne “ übersehen“ !

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