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Es lebe der Bachmannpreis!

Wieder einmal hat mein Sommer in Klagenfurt begonnen. Bachmannpreis. Oder wie es seit ein paar Jahren heißt: Tage der deutschsprachigen Literatur oder #tddl.
Fast zwanzig Jahre – mit wenigen Unterbrechungen – fahre ich zum Auftakt des Sommers an den Wörthersee und es ist ein altes Spiel, meinem Mann und den Kolleginnen diese Reise als harte, aber notwendige Arbeit zu verkaufen.
Seit ein, zwei Jahren hab´ ich nur das Problem, dass auch eine Kollegin auf den Geschmack gekommen ist und sich immer ein paar Urlaubstage nimmt, um zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur zu fahren. Aber sie wird dicht halten. Sie wird nicht erzählen, wie hart wir uns das Schwimmen im abendlichen See, die Pommes Frites im Freibad, den Aperol Spritz verdienen, in dem wir uns tagsüber jede Lesung und selbstverständlich jede KritikerInnendiskussion reinziehen.
Nein, natürlich wissen alle, dass man hier herkommt, weil es schön ist. Also, für die paar JournalistInnen, die jeden Tag einen aktuellen Bericht schicken müssen, ist es ein harter Job, wenn auch in einer schönen Umgebung. Und für die KritikerInnen und den Moderator natürlich auch, aber die bekommen Honorar und ein paar Tage Fernsehruhm. Doch für alle anderen, nämlich den ganzen Literaturzirkus, der hier aus allen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreich anreist, ist es eine Klassenfahrt oder ein Schulschikurs, mit dem einzigen Unterschied: Man darf jedes Jahr mitfahren, man ist nicht zu alt, man wird nicht rausgekickt, wenn man man Matura hat.
Und jedes Jahr kommen die Unkenrufe, dass dieser Wettbewerb sich überlebt hat, dass die Texte, die Diskussion darüber und die gesamte Inszenierung völlig unnötig sei, weltfremd und abgehoben und natürlich stimmt das in gewisser Weise. Es ist bizarr, wenn sich hier Menschen darüber streiten, ob die Wortwiederholungen in einem Text Stilmittel oder einfach nur Stümperei sind, ob ein Autor sich zu wenig traut oder viel zu plakativ mit Klischees spielt, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass gerade vor den Küsten Europas jede Woche hunderte Menschen ertrinken, und das allen inzwischen egal zu sein scheint. Dass unsere Demokratie sich gerade in Riesenschritten zurück entwickelt. Oder sagen wir besser, von einigen wenigen ganz bewusst zurück entwickelt wird. Dann natürlich wirkt dieser ganze Bachmannzirkus wie ein abgehobenes Kulturtheater für eine winzige Minderheit. Oder sagen wir besser: es wirkt nicht nur so, es ist es auch. Ein kleiner, unbedeutender Zirkus für eine Handvoll Leute. Und dennoch wäre es eine Katastrophe, wenn es solche Veranstaltung nicht mehr geben würde und zwar nicht nur, weil es ganz generell die Aufgabe von Kunst sein muss, Nischen abzudecken, „ihr Ding“ zu machen, unabhängig von Quoten, Verkaufszahlen und Mainstream. Ja eh.
Aber gerade der Bachmannpreis ist für uns alle, also die paar Prozent der Bevölkerung, die sich wirklich für Literatur interessieren, eine extrem wichtige Veranstaltung. Denn die gesamte Branche ist in Schockstarre, seit eine neue Studie veröffentlicht wurde, die besagt, dass die LeserInnenschaft in den letzten drei Jahren um neun Millionen geschrumpft ist. Es heißt, die Menschen tippen mehr auf ihren Handys rum, schauen Netflix-Serien, können sich nicht mehr auf Texte konzentrieren … vielleicht arbeiten sie auch einfach mehr oder treffen öfter ihre FreundInnen.
Seit es diese Zahlen gibt, vergeht keine Woche, in dem es nicht einen Zeitungs-, Radio-, oder Fernsehbeitrag gibt, in dem wir – die Literaturbranche – totgeredet werden. Natürlich sind solche Ergebnisse dramatisch, und man muss sich auch damit beschäftigen, darf nicht so tun, als wäre die Welt noch so, wie vor zwanzig Jahren. Aber beschäftigen heißt nicht unbedingt, die ganze Zeit zu Weinen und zu Lamentieren, denn damit macht man alles nur noch schlimmer. Wenn alle darüber sprechen und schreiben, dass wir eine sterbende Branche sind, dann werden wir es bald wirklich sein. Wer will denn schon in einen depressiven Laden reingehen um ein völlig negativ besetztes Produkt zu erstehen?
Und darum brauchen wir auch solche Veranstaltungen wie den Bachmannpreis. Drei Tage, in denen die Literatur im Mittelpunkt steht. Drei Tage, in denen man über nichts anderes als Erzählperspektiven und Textinkohärenzen spricht. (Na gut, manchmal auch über das Sakko des einen Jurors oder die Brille einer Autorin). Drei Tage, in denen Menschen unterschiedlichen Alters mit großer Ernsthaftigkeit Texte vorlesen. Ohne Marketing, ohne Verpackung, ohne Werbebudget von großen Verlagen. Ein nackter Text, auf ein paar weißen Blätter gedruckt und vorgelesen. Text pur also. Und drei Tage, in denen ein paar Dutzend Menschen zusammenkommen und über Texte diskutieren, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Was es in diesen drei Tagen ja auch ist. Wir brauchen das. Wir, die wir ein Teil einer angeblich untergehenden Spezies sind und auch all jene, die da seit Jahren hinfahren, obwohl sie nichts mit dem Literaturbetrieb zu tun haben, einfach, weil man hier dabei sein kann, ganz dicht dran, quasi an der Quelle sitzt. Und auch die, die zuhause an den Fernsehern sitzen und sich alle Beiträge reinziehen, auf Facebook und Twitter darüber schreiben, sich erregen, sich freuen und Partei ergreifen, obwohl sie im normalen Leben ganz andere Berufe haben, also nicht unserer Blase angehören.
An solchen Tagen spürt man die Kraft der Literatur und für diesen Ausdruck würde mich die Jury wohl mit nassen Handtüchern aus der Manege jagen, eh zu recht, aber ich weigere mich, einen anderen zu verwenden: Die Kraft der Literatur. Nirgendwo sonst ist sie spürbarer als an diesen Sommertagen in Klagenfurt.

1 Kommentare

    Barbara sagt:

    Danke herzlichst für diesen Bericht, ich bin überzeugt, dass es nicht „weniger“ Leser gibt, sondern eben genau diejenigen Leser gezählt wurden, die sich gerne mit Büchern beschäftigen, mit Texten auseinandersetzen,… die weniger interessierten fielen einfach bei der Statistik raus.
    Mir fällt auf, dass der Austausch intensiv ist, wenn man ein gutes Buch weiterempfehlen kann bzw. anders rum, wenn einem ein gutes Buch ans Herz gelegt wird.
    In der Ubahn fallen mir die lesenden Menschen auf… egal ob Buch oder E-book-Reader, und einmal Buch-Fan bleibt Buch-Fan. Es kommen einem durchaus viele äußerst ansprechende, wertvolle Literaturwerke entgegen… dass sich das Leseverhalten ändert, so wie sich alles entwickelt, ist sichtbar, aber diese Entwicklung schwarz zu malen ist nicht der richtige Weg.
    Vielleicht aber ist das Aufzeigen der Veränderung wichtig, um auch die Buchpräsentationen – in Lesungen bzw an mehreren Orten ( Cafe/Bibliothek/Buchhandlung) weiterhin -spannend und einladend – zu gestalten.
    Danke 🌸

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