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Wenn die Knecht ruft

Wenn die Knecht ruft, kommen alle! Allein aus unserem Betrieb waren wir zehn (inklusive Kind, das zwar niemals freiwillig zu einer meiner Präsentationen gehen würde, wenn die Knecht liest, geht sie natürlich, obwohl sie nächsten Tag Latein-Schularbeit hat).
Ich freute mich so auf den Abend, lauter liebe Menschen, ein paar Stunden in der Bobo-Blase, wo wir uns alle umarmen, auf die Schultern klopfen und versichern, dass auch die Politik in diesem Land wieder anders werden wird. Und ein bisschen aufgeregt war ich auch, schließlich weiß ich, wie aufgeregt die Knecht war.
Völlig grundlos natürlich, denn es waren die besten Voraussetzungen für einen schönen Abend. Die Bücher für den Büchertisch wurden rechtzeitig in großen Mengen angeliefert, das Ateliertheater war ein wunderbarer Ort, es kamen wirklich nur nette Menschen, zahlreiche echte Fans. Katja Gasser als perfekte Moderatorin, gut vorbereitet und völlig entspannt.
Und dann las Doris Knecht die erste Seite des Buches vor, eine Stelle, die mich, obwohl ich sie bereits kannte völlig inden Bann zog:

„Wie man auf einem Moped fahren kann: allein. Zu Zweit. Zwei Männer. Zwei Frauen. Ein Mann und eine Frau, der Mann vorne, die Frau hinten; die Frau vorne, der Mann hinten. Ein Mann eine Frau, dazwischen ein Säugling auf dem Arm der Frau. Ein Mann, eine Frau, zwischen ihnen ein kleines Kind sitzend oder stehend, das Kind hält sich an den Schultern des Mannes fest, die Frau hält das Kind an den Hüften … Wie man auf einem Moped fährt: Kommt darauf an, wo man geboren wurde, wie man lebt und wer man ist.“

Zwei Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie vor knapp dreiundzwanzig Jahren ein Kind gezeugt haben. Ihre Wege trennen sich rasch danach, sie gründen neue Familien, leben ihr Leben und doch sind sie aneinander gefesselt durch dieses gemeinsame Kind. Lotte. Und Lotte ist nicht irgendein Kind, Lotte ist, wie man so schön sagt, eine Herausforderung. Ein schwieriges Kind. Eine unmögliche Jugendliche und irgendwann gibt es auch eine Diagnose: Lotte ist nicht „normal“. Lotte ist nicht einfach nur rebellisch, sie braucht Therapie und Medikamente und fast ist diese Erkenntnis eine Erleichterung für die Eltern, vor allem für Heidi, die Mutter. Sie hat nicht alles falsch gemacht, sie ist nicht schuld, sie hätte gar nichts tun können.
Und jetzt, wo die Eltern dachten, alles sei so halbwegs gut, dann geht das Kind nicht ans Telefon. Tagelang. Nichts. Kein Rückruf. Keine Whatsapp. Heidi ist in Panik.
Das ist der Punkt, wo das neue Buch von Doris Knecht anders wird, als alle, die ich bisher gelesen habe. Haben sich ihre Held*innen bisher immer in einem sehr engen Radius in ihrer kleinen Welt bewegt, werden sie nun auf eine weite Reise geschickt. Eine Reise nicht nur in ihr Innerstes, nein, sie müssen auf die andere Seite unseres Planeten. Heidi und Georg, das ungleiche Nicht-Paar fliegt nach Vietnam und Kambodscha um das verlorene Kind zu suchen.
Und wie in allen Büchern der Knecht, kommt mir irgendwann der Gedanke: Warum weiß die das? Warum schreibt die über mein Leben? Warum denken ihre Figuren so oft Dinge, die ich auch denke und zwar genau so? Nun, könnte man jetzt sagen, das sei vielleicht, weil Doris Knecht und ich wirklich gute Freundinnen sind. Aber das ist es nicht. Denn was ist mit all den Menschen, die nach der Lektüre von „Besser“, „Wald“ oder „Alles über Beziehungen“ zurück in den Laden kommen und ein wenig irritiert anmerken: „Warum schreibt die über mich? Warum weiß die, was ich denke?“ Die sind schließlich nicht alle mit der Knecht befreundet und natürlich hat sie nicht deren Geschichte erzählt.
Aber in gewisser Weise eben doch, denn es gibt wohl wenige Autorinnen, die so genau hinschauen, so detailliert beschreiben und so schonungslos den Finger auf den Punkt legen, der eh schon weh tun, wie die Knecht das tut. Und so erzählt sie in einer schmerzhaft direkten Sprache über unsere scheinbar kleinen Probleme, die eben doch groß sind, einfach weil es ja doch meistens die kleinen Dinge sind, die unser Leben ausmachen und von denen abhängt, ob wir glücklich sind oder nicht. Zumindest auf unserer Seite der Erde, in unserer Gesellschaftsschicht, hier, wo wir sauberes Wasser haben, renovierte Altbauwohnungen und kein Krieg unser Leben bedroht. Da ist es nun mal wichtig, dass die Kinder die Schule schaffen, sich mit dreizehn nicht piercen lassen und der Mann in der Midlifecrisis nur ein bisschen rumzickt, aber nicht abhanden kommt.
Ja, ich weiß, ich bin nicht subjektiv, schließlich weiß jede*r, dass ich die Knecht liebe, aber auch wenn ich sie nicht kennen würde, würde ich behaupten, dass ihre Bücher viel viel mehr sind, als kleine, bissige Beziehungsgeschichten, wie sie oft von (meist männlichen) Rezensenten beschrieben werden. In ihnen ist so viel Wissen, so viel Welt und so viel Analyse der menschlichen Psyche, dass es manchmal geradezu unheimlich ist. Es ist, als ob sie hinter die Fassaden unserer perfekten kleinen Welten schauen könnte, und dann packt sie das, was sie da sieht, in Wörter und Sätze, als würde sie es bei einem Glas Rotwein erzählen. Einfach, klar, völlig schnörkellos und schmerzhaft direkt. Und auch, wenn ich nicht objektiv bin, glauben Sie mir: Das ist große Kunst!

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