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Thomas Maurer: Zukunft

Gestern also, der Maurer. 20 Uhr Stadtsaal. „Ich hab über den Palfrader geschrieben, also schreibst du über den Maurer“, sagt Petra. Am Ostersamstag, in der Buchhandlung ist es wie Weihnachten, steht der Maurer an der Kassa, „kommt’S doch heut‘ Abend, ich lass Euch Karten zurücklegen.“ Ja, eh. Petra war ja schon in der Premiere – hat der Maurer den Text über den Palfrader gelesen?
Wir haben Besuch aus Deutschland, der Verleger aus München mit Familie ist da, am Nachmittag also Kultur, die Kirche am Steinhof, weil die Frau des Verlegers Jugendstil und so. In der Kirche ist es 10 Grad Kälter als draußen, wo ja der Frühling auch noch auf sich warten lässt, eine Stunde Führung, wieso weshalb warum und schlechte Akustik, aber Otto Wagner und überhaupt. Zum Glück gibt es Decken. Danach Café Ritter im Ottakring, Kaiserschmarren und Krautfleckerln für die Gäste aus Deutschland. Kurz nach Hause, den Hund äußerln und dann ab in den Stadtsaal, der eigene Sohn arbeitet dort an der Theke, also muss man wenigstens für’s Bier nicht anstehen, noch schnell eine Tschick und dann ab in die Zukunft.

Was ist das, Zukunft? Gestern, heute, morgen. Im Kabarett wird ja gewöhnlich immer alles schlecht gemacht und es wird geätzt – über die Lage, die neue Regierung, den Innenminister „Kickl, ich meine, also Innenminister Kickl“ – mit fünf Fragezeichen, Kickl und Innenmister wie Kohlekraftwerk und ökologische Energie. Das Publikum verstehend, sich im Sessel zurücklehnend, lacht und applaudiert. Dabei steht der Künstler noch gar nicht auf der Bühne, nur eine Projektion auf riesigem Bildschirm, auf der der Maurer in schwarzer Hose und blauem Hemd über die neue Regierung herzieht. Dann eine, natürlich gewollte, technische Störung und dann ist er da. Thomas Maurer in seinem 16. Programm. Wild gestikulierend, sich ständig selbst unterbrechend, anscheinend nach dem Text suchend – Zukunft, also.
Das Tagespolitische ist abgehakt und er widmet sich dem wirklich wichtigen in der Zukunft, der Digitalisierung. Was das ist und was das mit uns macht und warum es uns betrifft. Zukunftsvisionen, Schreckensgemälde vom maschinellen Menschen, Betreuungs- und Sex- Robotern und, immerhin tröstend, dass wir eh gar nicht drüber nachdenken müssen, weil ja unser Smartphone für uns denkt und eh viel besser weiß, was wir als nächstes machen wollen, oder nicht wollen oder wollen sollen. In seiner bekannten und geliebten Art, feuert Maurer auf das Publikum los, lässt sich von digitaler Projektion dabei unterstützen, bleibt gewollt hängen, findet, nicht zuletzt dank App in den Text zurück, hantiert verzweifelt mit dem Smartphone in der Hand. Ja, alles wird schrecklich enden! Natürlich hat die Digitalisierung auch viel Positives, denn die ganz Reichen arbeiten schon jetzt am ewigen Leben – sei es auch nur digital, wir dürfen es dann sicher auch irgendwann kaufen. Da alle Arbeitsplätze weg digitalisiert werden, können wir hoffen, dass uns die Industrie irgendwann für unseren Konsum bezahlen wird – gesponsertes Grundeinkommen sozusagen.

Pause! Der Künstler ist außer Atem, ich auch – der Kopf ist es ja kaum noch gewohnt so analog mit Fakten zu gestopft zu werden.

Erstaunlich, dass es dann nach der Pause noch besser wird. Maurer die gelegten Fährten aufgreift, sich in neuen Abschweifungen verliert. Drogen werden zum Beispiel gar kein Problem mehr sein, weil man die entsprechenden Gehirnregionen gleich direkt elektronisch stimulieren kann, ohne Koks, Alkohol, Nikotin oder Crystal Meth – was ja auch viel gesünder ist.

Vielleicht kommt es aber auch alles ganz anders, weil: Hätte jener fast unbekannte General Petrow 1983, den an seinem PC angezeigten atomaren Angriff der USA nicht hinterfragt und selber gedacht sondern wie vorgesehen reagiert, hätten wir heute bestimmt andere Probleme, als uns mit der Digitalisierung zu beschäftigen.

Es ist, war und wird schlimm – gestern, heute, morgen. Die Zukunft? Ist eh schon längst da, wir merken es halt vielleicht noch gar nicht. Ich meine, Kickl – Innenminister?

1 Kommentare

    Marianne Fürlinger sagt:

    Danke für die feine Rezension eines großartigen Abends – ich hätte es in meiner Beklemmung nicht so frei hinbekommen. Und ich, eine normalerweise recht positiv gestimmte Frau, fürchte, es wird noch schlimmer als wir es jetzt erahnen…

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