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Leo Perutz – Preis für Petra Hartlieb

ich bin sehr stolz

– und was für eine wunderbare Laudatio von Heinrich Steinfest:

 

Leo-Perutz-Preis 2025 für Petra Hartlieb mit Freunderlwirtschaft

Ganz fair ist es ja nicht. Kritikerin, Literaturvermittlerin, Podcasterin und Buchhändlerin, für viele geradezu die Buchhändlerin, und dann schreibt sie auch noch Bücher, anstatt die einfach nur zu verkaufen. Aber sie kann es eben, die Petra Hartlieb. Und was für Bücher! Etwa das so erfolgreiche Meine wundervolle Buchhandlung oder die Cottage-Reihe mit ihrer Verbeugung vor den Jahreszeiten.
Als ich ihr das erste Mal begegnete, war dies in der wahrscheinlich überfülltesten Straßenbahn aller Zeiten auf dem Weg vom Leipziger Buchmessegelände zurück in die Stadt – heiß, stickig, feucht, ich mit meiner verdammten Platzangst in einem klaustrophoben Worst Case –, da zog sie mich, ohne dass ich wusste, wer sie war, mit einer Kollegin freundlich in eine Art menschlicher Schutzhülle: eine wienerische Schutzhülle im fremden Leipzig. – Das war die Zeit, als Petra Hartlieb als Autorin noch „Bielefeld & Hartlieb“ hieß, und auch wenn ich später dachte, das sei ein Pseudonym unter Verwendung einer angeblich gar nicht existierenden deutschen Stadt, handelte es sich um die „vier Fälle“, die zusammen mit Claus-Ulrich Bielefeld entstanden und die bei Diogenes erschienen.
Und so ist Petra Hartlieb mit Freunderlwirtschaft, diesmal ohne schreibenden Begleiter, zum Kriminalroman zurückgekehrt.

Freunderlwirtschaft ist nun mehr als ein Politkrimi – das auch, keine Frage –, er ist aber vor allem ein sprachlich gelungener Text, der die Autorin als gekonnte Erzählerin auszeichnet. Man merkt ihr eben an, dass sie in verschiedenen Genres zu schreiben versteht. Das tut diesem Buch gut. Hartlieb erzählt und nimmt uns mit in eine Fiktion, die die österreichische Realität ins Überdeutliche spiegelt. Dabei bewegt sich die Geschichte auf der Oberfläche der Ereignisse, um dann in die Abgründe vorzudringen, auf denen diese Oberfläche fußt. Dazu gehört eine präzise Figurenzeichnung (auch der Nebenfiguren), glaubwürdige Dialoge, ein genaues Recherchieren der Realitäten, nicht zuletzt Humor und einprägsame Sprachbilder, wenn etwa dank eines glücklichen Irrtums aus einem „bedenklichen Todesfall“ ein
„Todesfall zum Denken“ wird. Dazu gehört auch, dass sich die Erzählerin Zeit läßt,
die Familiengeschichten und das Private einzelner Figuren zu beleuchten, was zum Verständnis dieser Figuren wesentlich beiträgt. Wozu sie sich eines gut dosierten Perspektivwechsels bedient, beziehungsweise eines gut dosierten Wechsels zwischen Dialogen und der Erzählstimme. Was aus alldem entsteht, ist ein Sittengemälde, dem es wahrlich nicht an Spannung fehlt, ohne dass aber der Spannung die Erzählkunst geopfert wird.
Daneben erfahren wir, dass Oberösterreicher nicht charmant sind, lernen ein klein wenig Finnisch, erfreuen uns an der messerscharfen Skizzierung eines Bundeskanzlers oder an Szenen, die man wohl als Metaebene verstehen kann, wenn über das Verhältnis von Thrillern, wo am Ende die Bösen draufzahlen, und einer thrillerartigen Wirklichkeit, wo genau das nicht der Fall ist, gesprochen wird. Oder die Kundin in der Krimiecke einer Buchhandlung erklärt „keinen Politkram“ zu wollen, „lieber einen echten Psychokrimi, was richtig Grausliches“.
Nein, grauslich ist Freunderlwirtschaft tatsächlich nicht, aber es zeigt das Grauen auf, in das der korrumpierte Mensch unrettbar gerät. Und schafft es, mit literarischen Mitteln eine grausame Wirklichkeit einzufangen.
Wenn ich mir noch eine Randbemerkung erlauben darf, mir ist aufgefallen, wie unglaublich viel Kaffee in diesem Roman getrunken wird, zur Not auch „dünnes Gebräu aus einem Automaten“ oder ein großes Glas Milchkaffee für den Bundeskanzler, das „aussieht wie aus einem Barista-Lehrbuch“. – Ist das nun speziell wienerisch, diese Kaffeesucht, die mitunter etwas Stabilisierendes an sich hat, so, wie anderswo grüner Tee oder das obligate Glas Whisky? Der Kaffee hat keine Bedeutung, außer dass alle ihn begehren, aber er besitzt etwas von einem Ornament, ein Schnörkel, der so manches Gespräch einleitet.
Wie gesagt, was diesen Roman neben aller Spannung auszeichnet, ist seine Genauigkeit in der Darstellung der Orte, der Menschen und ihrer Handlungen oder Unterlassungen, sowie der Dinge, die eben nicht bewiesen werden können, so offensichtlich sie auch sein mögen. Darum ja Literatur, um das Unbeweisbare mit den Mitteln literarischer Schöpfung zu beweisen.

Im Stück Heldenplatz läßt Thomas Bernhard seinen Professor Robert klagen:
„Was die Schriftsteller schreiben/ist ja nichts gegen die Wirklichkeit/jaja sie schreiben ja daß alles fürchterlich ist/daß alles verdorben und verkommen ist/daß alles katastrophal ist/und daß alles ausweglos ist/aber alles das sie schreiben/ist nichts gegen die Wirklichkeit/die Wirklichkeit ist so schlimm/daß sie nicht beschrieben werden kann/noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit so beschrieben/wie sie wirklich ist/das ist das Fürchterliche.“

Nun, vielleicht hat Professor Robert nicht ganz recht und man kann die Wirklichkeit eben doch beschreiben, mit den Mitteln der Fiktion, mit den Mitteln eines tief in die Wirklichkeit eindringenden Kriminalromans – und das wäre dann nicht das Fürchterliche, sondern das Erlösende.

Ich gratuliere Petra Hartlieb zum Leo-Perutz-Preis 2025.

© Heinrich Steinfest 2025