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In der Zähringerstraße

von Oliver & Petra Hartlieb

Im Berliner Volkspark Friedrichshain gibt es ein Café Schönbrunn. Das ist weder gelb gestrichen, noch gibt es Apfelstrudel und Melange, aber es ist schön gelegen, inmitten eines großen Parks, gleich hinter einem Brunnen mit Steinfiguren aus sämtlichen Märchen. Hier treffen wir einen unserer Lieblingsschriftsteller, Norbert Zähringer, zum Interview. Er kommt mit dem Fahrrad, bestellt sich Käsespätzle, schließlich stammt er aus Stuttgart. Norbert Zähringer ist kein Autor mit großem Gestus, fast scheint es, als wäre es ihm ein wenig unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen, er spricht langsam, als müsse er seine Gedanken immer ein bisschen ordnen, bevor er sie uns präsentiert.

Seit 2001 sein Romandebüt So erschienen ist, sind wir bekennende Zähringer-Fans. Und dies hat sich schön langsam auch auf unsere MitarbeiterInnen übertragen, gibt es doch wenige deutschsprachige Autoren, die auf solch literarisch hohem Niveau so gut unterhalten wie Norbert Zähringer. Was seinen unverwechselbaren Stil ausmacht, ist zugleich auch das Problem für Kritiker oder Buchhändler: Man kann seine Romane nur mangelhaft nacherzählen, denn in jeder Geschichte gibt es unzählige Handlungsfäden, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben und dann in einem grandiosen Finale miteinander verbunden werden. Auf die Frage, was denn sein Geheimnis dieser komplexen Konstruktionen sei, lacht er nur und behauptet, das passiere quasi von allein. „Ich denk mir erst die Figuren aus. Und denen passieren dann die Geschichten – das hört sich ein wenig wie Autoren-Voodoo an, ich weiß, aber genau so läuft´s. Recht früh ist die elliptische Form klar, das heißt, wo man wieder rauskommt, aber wie man da hinkommt, entsteht wirklich im Schreiben.“

In seinem vorletzten Roman Einer von vielen bekommt man einen Schreck, wenn man das Buch aufschlägt: In der inneren Umschlagseite befindet sich eine komplexe Zeichnung, wie die rund 80 Personen des Romans miteinander zusammenhängen. Zähringer hat diesen Plan nicht etwa für sich gezeichnet, es ist eher eine Serviceleistung für die Leser. „Viele glauben, das hab ich mir vorher so hingemalt, als Kon-struktion, aber ich brauch das nicht.“ Und das Unglaubliche ist, dass Zähringer es schafft, diese Geschichte mit den unzähligen Handlungsfäden so zu erzählen, dass man nicht aussteigt, alles fügt sich logisch aneinander und die Skizze ist ein schönes Zusatzfeature, das man eigentlich nicht unbedingt benötigt.

Sein neuester Roman Bis zum Ende der Welt kommt mit weniger Personal aus – lediglich um drei Personen kreist die Geschichte und ganz bewusst hat Zähringer diesmal auf die verschachtelte Erzählperspektive verzichtet: „Ich konnte in dem neuen Buch nicht schon wieder so erzählen. Das wird dann wie ein Zwang, dann bist du völlig festgelegt und irgendwann hört man das Knirschen im Getriebe. Diesmal wollte ich möglichst linear erzählen. Obwohl, manchmal gab es Momente während des Schreibens, in denen es nicht weiterging, und da dachte ich immer, na ja, dann machst du halt noch eine Figur rein, aber das hätte in diesem Fall nicht zur Geschichte gepasst.“

Und die ist nicht weniger schön, unterhaltsam und intelligent. Die Geschichte der jungen Ukrainerin Anna, die ihre einzige Chance, aus ihrer tristen Familiensituation auszubrechen, in einer Heiratsvermittlung sieht. So gelangt sie an einen älteren Deutschen, Gerhard Laska, der nur noch ein paar Monate zu leben hat und diese nicht allein verbringen will. Er „kauft“ sich eine Frau. Doch keine Angst, hier kommt nicht das Klischee vom reichen, alten Mann und der mittellosen jungen Frau aus Osteuropa. Anna ist selbstbewusst und Laska ein Realist. Und bald verbindet sie ihre gemeinsame Begeisterung für Astronomie. Laska will vor seinem Tod unbedingt noch einen Kometen sehen und Anna hilft ihm dabei. Es wäre allerdings kein Zähringer-Roman, wenn da nicht noch ein paar Themen eingearbeitet wären, wie etwa Tschernobyl und Fukushima, die Weltallhündin Leika und Juri Gagarin, ein afrikanischer Bootsflüchtling und der millionste Gastarbeiter in Deutschland. Und was wir an dem Buch am allermeisten lieben: Norbert Zähringer scheut sich nicht vor einem Happy End, wenn auch einem ungewöhnlichen. Schließlich muss nicht alles in der Katastrophe enden, zumindest nicht in der Literatur.

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