Lesen ist wundervoll.

Nach all der Buch Wien-Aufregung der letzten Woche wird es nun Zeit auf Virginia Woolf zu hören und sich ein wenig in den room of one´s own zurückzuziehen. Ein bisserl runterkommen, von Lesungsrausch und Smalltalkhigh… Wenn Sie kein eigenes Zimmer haben, dann darf Ihnen das BZW an diesem Wochenende ein wenig Rückzugsort sein. Dort stehen Ihnen zwölf verschiedene Gedankenzimmer zur Auswahl, zum Verstecken vor der Wirklichkeit, von Margaret Atwoods Schreibstube bis hin zu Susan Sontags Salon ist für alle was dabei, versprochen.

Und hier: #das Buch zum Wochenende finden Sie alle Wochenendbücher.

Es ist verrückt, gerade waren wir doch noch auf der Eröffnungsparty der Buch Wien und nun ist sie fast schon wieder vorbei, schlimm. Aber eben nur fast. Und so wollen wir mit dem dieswöchigen BZW noch einmal Wiens größter Buchparty huldigen und gleichzeitig natürlich auch dem diesjährigen Jubilar der Herzen, Willi Wiberg! Der wird nämlich unglaubliche fünfzig Jahre alt und auf der Buch Wien gibt es eine kleine Sonderausstellung zu seinen Ehren. Wir finden: not to be missed & treffen euch alle Samstag und Sonntag am Messegelände mit dem BZW unterm Arm, Ehrensache!

Und hier: #das Buch zum Wochenende finden Sie alle Wochenendbücher.

Dieses BZW ist der Vorfreude gewidmet, denn es ist wieder so weit, die Buch Wien steht vor der Tür! Den Anfang der alljährlichen Buchmessenpartywoche macht die glamorousglitzi Buchpreisverleihung am Montag und während wir Crazycatlady-Buchhändler*innen noch unsere besten Outfits von Tonnen von Katzenhaaren entrollern um einen adretten Eindruck zu machen, schwingen wir uns mit dem aktuellen BZW gleich auf die Verleihung ein. Denn, ganz unter uns gesagt, ist selbstverständlich Anna Kims brillantes Buch „Geschichte eines Kindes“ mein streng geheimer Geheimfavorit und selbst wenn sie nicht gewinnt, was sie natürlich ganz bestimmt tun wird, Ausrufezeichen!, dann darf ich hier mit dem dieswöchigen BZW, noch einmal eine unbedingte Leseempfehlung für dieses wichtige Buch aussprechen.

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Eröffnungsrede des Festivals KlangRede vom 14.-16. Oktober 2022 in Weyer

Was war zuerst da: der Klang, der den Dichtern die Worte in den Sinn bringt, oder das Wort, das Komponisten inspiriert hat?

Das Zusammenspiel von Wort und Ton ist ein großes Thema, das Künstler*innen seit Jahrhunderten beschäftigt.

Die Berührungspunkte von Musik und Literatur, die möchte das Jeunesse Musik Literaturfestival hier in Weyer mir Ihnen gemeinsam erkunden.

Und mir fällt jetzt die Aufgabe zu, die Eröffnungsrede zu halten, und das Thema ist auch ein bisschen mein Thema. Nämlich:

„Die Flucht in die Stadt und die Sehnsucht zurück“

Was bedeutet dieser schöne Satz? Für Sie? Für mich? Für die Städter und Städterinnen, für die Bewohner und Bewohnerinnen am Land. Für die, die Dialekt sprechen und für jene, die lieber nach der Schrift reden. Für alle, die die Tradition hoch halten wollen und auch für die, denen es gar nicht genug Veränderungen geben kann.

Zuwi, dauni, ummi, auffi, viri, zruck, Grias di, Pfiat di

So haben wir mit den Kindern geübt, wenn wir übers Wochenende nach Oberösterreich gefahren sind, schließlich sollten sie keine Probleme damit haben, Oma und Opa zu verstehen.

Ich habe es nämlich verabsäumt, meine Kinder zweisprachig zu erziehen, dabei kenne ich die abenteuerlichsten mehrsprachigen Erziehungsformen:

japanisch – deutsch

englisch – deutsch

hebräisch-englisch-deutsch

finnisch-deutsch

flämisch-oberösterreichisch

Meine syrische Freundin ermahne ich regelmäßig, wenn sie mit ihrer Tochter (meinem Zieh-Patenkind) deutsch und nicht arabisch spricht.

Die Muttersprache ist die Sprache des Herzens, sage ich.

Nur in dieser, deiner Sprache bist du authentisch, sage ich.

Das Kind lernt nur richtig sprechen, wenn es seine Muttersprache, also die der Eltern richtig kann, sage ich.

Und Goethe sagt: „jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“

Meine Kinder können perfekt Deutsch, Wienerisch, Englisch, eines kann ein bisschen Spanisch, das andere Latein und Finnisch und ein bisschen Mari, das ist eine Sprache, die man in der Wolga-Ural Region spricht. Aber oberösterreichisch können sie beide nicht.

Keine Angst, das wird jetzt kein Vortrag über Sprachen und Lautverschiebungen in der österreichischen Mundart, ich will mit dieser Eröffnungsrede erzählen, warum Evelyn Schörkhuber und ich gerade hier in Weyer dieses Festival machen. Wenn ich in Wien davon erzähle, dann fragen die meisten: Weyer, wo ist das? Und wie schreibt man das?

Warum ein Festival am Land? In der Provinz?

Dabei dauert die schnellste Zugverbindung von Wien nach Weyer eine Stunde dreiundfünfzig Minuten, Evelyn und ich haben es im letzten Jahr sehr oft ausprobiert.

Warum ist die Provinz in den Köpfen der Stadtleute so weit weg und die Stadt umgekehrt auch?

Warum glauben die Leute in Stadt, dass es am Land fad ist, dass es keine Kultur, jenseits von Schuhplatteln oder Musikantenstadel gibt, dass jeder jeden beobachtet. Und da könnt ich jetzt noch endlos weitermachen.

Andererseits glauben die vom Land, dass in der Stadt alles anonym, dreckig und laut ist, dass bei uns lauter gefährliche Ausländer und Ausländerinnen wohnen und dass man nicht füreinander einsteht.

Das ist eine, seit Jahrhunderten andauernde Geschichte von Konkurrenz und Unverständnis, es würde hier den Rahmen sprengen, und nachdem es in unserem Festival um „Klang“ geht, will ich mich hier zunächst auf den Klang konzentrieren und lande somit wieder bei der Sprache:

Abgrenzung und Zuschreibungen durch Sprache und das ist ja auch das Problem mit dem Dialekt:

Wenn man in Wien Dialekt redet, gilt man als Landei, wenn man sich in den Bundesländern die gebildete, schönsprechende Wienerin raushängen lässt, dann ist man sofort die Überhebliche, die Bessere, die Großkopferte.

Für meine Generation war es ein No-Go Dialekt zu reden, wenn man in der Großstadt Karriere machen wollte. Verschämt hat man sich untereinander „erkannt“, hat kleine Grüppchen gebildet, und die Oberösterreich-Partys im Studentenheim waren äußerst beliebt. Aber außerhalb dieser Gruppen sprach man Hochdeutsch. Immer. Man sollte bloß nicht zuordnen können, dass man von einer Bauernfamilie aus dem hintersten Tal stammt.

Ich lebe seit 35 Jahren nicht mehr in der Provinz, bin Schriftstellerin und eine nicht ganz unbekannte Buchhändlerin. Ich hab ein Burgtheaterabo und gehe regelmäßig ins Konzerthaus oder in den Musikverein. Ich schreibe Bücher, die in deutschen Verlagen, verlegt werden, trete regelmäßig auf Bühnen und im Fernsehen auf und interviewe alle zwei Wochen für die Wiener Stadtzeitung Falter einen Autor oder eine Autorin.

Und dann steh ich hier und schaue aus dem Fenster, weiß, ich bin in Oberösterreich, also in Weyer, schaue auf die Leute im Publikum, die ich kenne: meine Verwandten aus Oberland, den Bürgermeister, die Buchhändlerin, Rudi und Christa, Franz und Resi und dann ist meine Mitorganisatorin nicht mehr die international erfolgreiche Gesangslehrerein, sondern d´Schörkuber Evelyn und ich bin d´Hartlieb Petra und es kommt mir ganz komisch vor, dass ich nicht oberösterreichischen Dialekt rede.

Aber macht euch keine Sorgen, ich kann beides, bin perfekt zweisprachig. Das hier ist also die Bühnenfassung von der Hartlieb Petra und dann geh ich da runter und red wieder so, wie die meisten hier.

Das mit dem Dialekt in der Stadt hat sich allerdings ziemlich verändert in den letzten Jahren und ich finde das großartig. Nun hab ich in der Buchhandlung junge Menschen, die völlig selbstbewusst „Griass di“ und „Pfiati“ und „voi super, des Buach“ sagen, dabei haben sie abgeschlossene Hochschulausbildungen und machen Karriere. Akademikereltern, die ihre Kinder selbstverständlich im Dialekt erziehen, obwohl sie seit über zehn Jahren in Wien wohnen.

Können Sie sich noch erinnern, als Alexander Van der Bellen 1997 zum Grünen-Chef gewählt wurde? Damals wusste niemand, dass er aus dem Kaunertal stammt, seinen Tiroler Dialekt hat er gut verborgen, denn Dialekt ist in Österreich immer ein Ausdruck für tiefste Provinz. Nicht im positiven Sinn.

Doch 2016, als Van der Bellen gegen Norbert Hofer in den Bundespräsidentenwahlkampf zog, war schnell klar: Um diese Wahl zu gewinnen, braucht er viel mehr Stimmen, als die der links-grünen Städter und Städterinnen, also besinnt er – oder sein kluger Wahlkampfmanager –sich auf seine Wurzeln und plötzlich steht auf den Plakaten ein Wort, das es bisher nicht im Wortschatz seiner Klientel gegeben hat: Heimat.

Van der Bellen trägt Trachtenjopperl und Lederhose, streichelt eine braune Kuh und geht mit seinem Hund durch idyllische Gebirgslandschaften. Das fanden damals nicht alle gut, ein kleiner Aufschrei ging durch die linkslinke Blase.

Aber ich, ich fand es super! Endlich! Man kommt vom Land, spricht Dialekt, trägt Tracht, liebt seine Heimat, durchaus auch in einem patriotischen Sinn, und ist trotzdem ein weltoffener, vorwärts blickender Mensch, der keine Angst hat vor Veränderungen, vor dem Fremden, vor Modernität.

Denn auch ich mag Volksmusik, Dirndlkleider, Bergsteigen und morgen geh ich zum Jodl-Kurs. Aber ich bin auch für die gleichgeschlechtliche Ehe, für das Recht auf Abtreibung, verwende immer auch die weibliche Form und sage nicht, „Frauen werden mitgemeint!“ und dafür, dass man in diesem Land Schutz bekommt, wenn man woanders vertrieben wird, bin ich auch

Und ich fahr auch gerne in die Provinz.

Einerseits natürlich in meine Heimatstadt Traun, die zwar nicht so schön ist, wie die Gegend hier, aber wo ich Freunde hab, die entweder gar nicht weg waren oder wieder zurückgezogen sind.

Liebe es, wenn ich beim Wandern mit „Griass di“ gegrüsst werde und spreche Dialekt.

Gehe mit dem Bürgermeister ein Bier trinken und veranstalte mit der gleichgesinnten Evelyn dieses Festival.

Dieses Festival würde in Wien so nicht funktionieren, denn da gibt es an jedem Wochenende gefühlte fünf andere Festivals, die meisten davon mäßig besucht. Davon abgesehen hätten wir gar keine Lust gehabt, in der Stadt so ein Festival zu machen, denn wir wollten genau hier sein, die Freunde und Freundinnen aus der Stadt nach Weyer locken und ihnen zeigen, wie schön es hier ist. Und am Nachmittag Wandern gehen oder zum Jodlkurs und am Abend ins Wirtshaus und zwar mit den auswärtigen Besuchern und Besucherinnen und jenen, die hier wohnen. Sie sollen zusammen am Tisch sitzen, über Musik und Literatur reden, von mir aus übers Wetter oder den Schweinsbraten, aber sie sollen merken, dass uns mehr verbindet als trennt.

Und so wie Evelyn und ich das angelegt haben, von Herzen und aus dem Bauch heraus, wäre es in der Stadt gar nicht möglich. Zu viel Bürokratie, zu viel Apparat, zu viel Tamtam und ich war in den letzten Wochen mehrmals erstaunt, wie hilfsbereit und unkompliziert alle hier sind.

Nichts wie weg wollte ich mit achtzehn, weg aus Oberösterreich, am liebsten nach New York, Paris, Berlin aber sicher nichts unter Wien. Mit zwei Koffer stand ich damals am Westbahnhof und mein Weg führte direkt in den neunten Bezirk, da gab es eine kleine Gasse, in der mehrere ziemlich heruntergekommene Wohnungen nebeneinander lagen und alle waren sie natürlich von OberösterreicherInnen besetzt. Da zog ich erst einmal ein.

Hab dann gleich alles ausgekostet: Uni-Streik, halblegale WGs und Schwangerschaft mit zwanzig ohne Mann. Meine Eltern fanden natürlich, dass die einzige Möglichkeit wäre, in die Heimat zurückzukommen, wieder einzuziehen im Kinderzimmer der elterlichen Wohnung. Was ich selbstverständlich abgelehnt habe. Meine Heimat such ich mir aus, und die ist Großstadt.

Ich bin ein Paradebeispiel für den Satz eines Politikers: „Wenn man die eigenen Kinder nach Wien zum Studieren schicke, kommen sie als Grüne zurück.“

Und „grün“ meine ich jetzt nicht unbedingt als politische Partei sondern als Geisteshaltung, so wie das die Generation meines Papas gemeint hat (der übrigens einmal gesagt hat, er weiß eh, dass ich „grün“ wähle, ich soll es nur niemandem in Traun sagen, dabei hab ich damals sogar KPÖ gewählt, dass hab ich mich ihm aber nicht zu sagen getraut.) Also eben „grün“ als Geisteshaltung, als Synonym für Liberalismus, Weltoffenheit, Protest gegen festgefahrene Zustände.

Ich wollte nie wieder:

oberösterreichisch reden

auf einen Berg gehen

ein Dirndl anziehen

am Mittagstisch mit Menschen sitzen, die man davon überzeugen will, nicht mehr die ÖVP oder die FPÖ zu wählen

während einer Messe in die Kirche gehen

zurück in die Provinz.

Wenn man bei Wikipedia das Stichwort Provinz aufruft, kommt man zu folgendem Eintrag:

In der Umgangssprache bezeichnet ‚Provinz‘ bzw. provinziell mit tendenziell abwertender Konnotation auch ein Gebiet, das arm an herausragenden kulturellen Angeboten ist oder in der allgemein kein bedeutendes gesellschaftliches Leben stattfindet. Dabei handelt es sich oft um Gebiete fernab der Hauptstadt, an der Peripherie eines Landes oder in einem vorwiegend ländlich geprägten Raum. Da aktuelle Moden oder Sitten oft zuerst in den Städten auftreten und diese im ländlichen Raum noch wenig bekannt sind, gilt dieser als eine rückständige, ‚provinzielle‘ Gegend.

Und damit komme ich zu einem Punkt, über den ich hier auch sprechen wollte – über Stadt und Land, Metropole und Provinz. Und darüber, was eigentlich für mich Heimat ist, denn im Allgemeinen ist das ja ein dehnbarer und auch sehr strapazierbarer Begriff.

Martin Walser hat einmal den Satz gesagt: Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.“ Mit dem Wort „Zurückgebliebenheit“ meint Walser einen angeblichen Mangel an räumlicher Mobilität als auch eine angebliche geistige Beschränktheit der ihre Heimat Liebenden

Und natürlich ist der Begriff „Heimat“ höchst problematisch, keine Frage. Zuerst von den Nazis missbraucht, nach dem Krieg dann der Versuch, die Heimat mit schnulzigen Filmen und Romanen wieder schön zu machen.

Das ist rückständig und auch schließt für all jene aus, die nicht dazu gehören, die hier keine Heimat haben, und dennoch kann man es nicht abstreiten: Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Heimat. Nach einer Identifikation mit ihrer Region. Das muss man auch politisch beantworten, und zwar ohne Scheuklappen.

Das heißt, es gilt einen neuen Heimatbegriff zu finden, und zwar eine Heimat, ohne jemanden auszugrenzen: Minderheiten, Ausländer und Ausländerinnen, Homosexuelle, Unverheiratete usw.

Jetzt wird es aber Zeit ein Geheimnis zu lüften, warum gerade Weyer. Bei Evelyn ist das klar, jeder hier kennt die Familie Schörkhuber, aber Hartlieb?

Mein Papa war sehr immobil in den letzten Jahren. Ein schweres Nervenleiden zwang ihn quasi in den Rollstuhl. Mitten in der Coronazeit musste er ins Altersheim ziehen. Äußerst widerwillig natürlich und eines meiner Argumente war, dass ich ihn aufgrund der Barrierefreiheit im Heim abholen könne und wir dann Ausflüge machen würden, sobald es die Pandemiesituation zuließ. Seine Wunschziele waren:

Einmal noch in die Linzer Innenstadt.

Einmal noch den Traunstein sehen.

Einmal nach Oberland zu Anneliese und Gustl.

Das haben wir alles nicht mehr geschafft, einen Tag bevor er gestorben ist, hab ich es ihm noch versprochen.

Linzer Innenstadt ist leicht, war ich.

Traunstein war nicht ganz so leicht, hab ich aber gemacht, und zwar nicht nur angeschaut, sondern raufgegangen.

Oberland war ein Anruf bei Anneliese und Gustl und sofort war ich wieder Kind, hab mich erinnert an Gastfreundschaft und Unkompliziertheit, an die gute Laune meines Papas, wenn wir hier in der Gegend waren.

Und jetzt wird´s richtig persönlich. Ich hab das erste Mal Handerl gehalten am Schlepplift auf der Forsteralm, aber keine Angst, ich hab dicke Schihandschuhe angehabt.

Das erste Mal geschmust im Freibad von Gaflenz, ich glaube, er hieß Martin, damals hatten wir ein bisschen weniger an. Es ist trotzdem nichts Ernstes geworden.

Meine Schwester und mein Groß-Cousin Wolfgang haben mich im Wald von Oberland einmal an einen Baum gefesselt, ich war die Squaw von Winnetou. Und auf Maria, die heute auch da ist, mussten wir immer warten, wenn wir ins Freibad gefahren sind, die war die Kleine und konnte nicht so schnell radeln wie wir.

Viele glückliche Kindheitstage hab ich in Oberland verbracht: im Winter Schifahren oder Rodeln, im Sommer Wandern, Schwammerl suchen und wenn ich zusammenzähle, wie oft wir den Gaflenzbach aufgestaut haben, ging sich bestimmt schon ein kleines Wasserkraftwerk aus.

Die Legende besagt, dass mein Papa im Bahnwärterhäusel in Oberland auf die Welt gekommen ist und danach beim Pfaffenlehner in Gaflenz gewohnt hat. Sein Vater ist in Stalingrad ums Leben gekommen und eine Geschichte aus meiner Kindheit war immer: Als die Russen gekommen sind, ist die Oma mit dem kleinen Klaus geflohen, sie haben dann in der Gschnoat auf einem Hof gewohnt, ich weiß bis heute nicht, was das ist, wo das ist, wie man das richtig ausspricht und wie lange sie da gewohnt haben.

Dann hat meine Oma einen neuen Mann kennengelernt, und sie sind nach Steyr gezogen.

Viele von euch kennen das Weiße Kreuz, bei uns hieß das immer das „Hartlieb Kreuz“.

Mein Urgroßvater, David Hartlieb, ließ es 1943 errichten, in Gedenken an seine drei, im Krieg verstorbenen Söhne. David, Hermann und Rudi. Einer davon, Hermann Hartlieb, war der Vater meines Vaters, also mein Großvater.

Im Sommer 2021 war ich mit meiner Großcousine Maria wieder da oben, inzwischen muss man nicht mehr auf sie warten, im Gegenteil, sie musste auf mich warten.

Und bei meiner Groß-Groß-Tante Anneliese in der Küchenlade liegen die Gipfelbücher. Und ich hab es schwarz auf weiß: Das letzte Mal war ich mit 15 da oben. Genau vor 40 Jahren und zwar fast auf den Tag genau. Und natürlich steht Hartlieb Petra im Gipfelbuch, direkt unter meiner Schwester. Zur Petra Hartlieb bin ich erst drei Jahre später geworden, als ich nach der Matura endlich weggehen konnte aus Traun, wo ich aufgewachsen war.

Und in meinem Stadtleben, meinem Erwachsenenleben in Wien, ist Evelyn meine Nachbarin, schon seit fast zwanzig Jahren und seit fünfzehn nehmen wir uns vor, zusammen nach Weyer zu fahren. Meine Verwandten zu besuchen, Tante Anneliese und Onkel Gustl in Oberland, auf den Heiligenstein zu gehen, Haligenstoa und nach Weyer zu Evelyns Eltern. Mit dem Papa. Meinem Papa.

Aber wie das halt so ist im Leben, hat man immer etwas anderes zu tun, was Wichtigeres, etwas, das sich nicht aufschieben lässt, eine andere Urlaubsdestination, die viel interessanter ist und es ist ja auch so verdammt weit weg.

Und dann ist er einfach gestorben, der Papa, und es ist sich nicht mehr ausgegangen. Aber weil Evelyn ein Mensch ist, der weiß, was wirklich wichtig ist im Leben, und mich immer wieder gedrängt hat, haben wir endlich einen Termin gefunden und ich bin nach Weyer gefahren.

Zunächst war der Plan, mich bei den Schörkhubers einzuquartieren, aber dann war da kein Platz, und Evelyn erzählt mir strahlend: „Ich hab dir im Gästehaus ein Zimmer gebucht. Wirst sehen, die sind voi liab, die wern da voi taugn.

Hm, dachte ich, was müssen die voi liab sein, was müssen mir die taugn, das Zimmer soll schön sein, oder zumindest sauber.

Und dann bin ich da dem Haus aus dem Auto gestiegen, Rudi hat meine Tasche ins Zimmer getragen. Und hat auf die Uhr geschaut und gesagt: „Jetz is fünfe. In zwa stunden gemma essen.“ So ist das nämlich in Weyer. Da sind nicht einfach nur die Zimmer schön.

Auch deshalb ist Weyer inzwischen Heimat für mich, obwohl ich ja gar nicht hier im Ennstal aufgewachsen bin. Trotzdem fühle mich der Gegend hier fast mehr verbunden als dem Ort, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht hab. Das mag auch daran liegen, dass es hier schön ist und in Traun nicht so. Meine Trauner Freundin kommt erst morgen, deswegen trau ich mich das hier zu sagen. Dass hier meine, mehr oder weniger, letzten Verwandten leben, dass es ein Kreuz gibt, auf dem mein Familienname steht aber auch, dass dies ein herzlicher, offener Ort ist, an dem die Pensionswirte selbstverständlich mit einem Abendessen gehen oder dich fragen, ob du ins Sommerkino mitkommst. Wo die Mama der Freundin dir das Jausenpackerl für den Zug in die Hand drückt und der Papa mit dir wandern geht und dir jeden einzelnen Baum erklärt. In dem du dich mit dem Bürgermeister im Wirtshaus triffst, weil die Schörkhuber Evelyn so eine vage Idee hat, hier ein Kulturprogramm zu machen. Und der Bürgermeister auch wirklich sitzen bleibt und zuhört und sagt, Ok, moch ma!

Auch wir wollen mit diesem Festival eine Brücke schlagen, nein, gleich mehrere Brücken: eine Brücke zwischen jung und alt, eine Brücke zwischen Stadt und Land, eine Brücke zwischen Hochsprache und Dialekt.

„Die Flucht in die Stadt und die Sehnsucht zurück“ ist also nicht nur der Slogan unseres Festivals, sondern auch ein Teil meines Lebens und was kann die Sehnsucht besser ausdrücken als Musik.

Herzlich willkommen bei unserem ersten Jeunesse-Festival, das war die Rede jetzt kommt der Klang. Freuen Sie sich auf Mitra Kotte und Paul Gulda!

https://www.jeunesse.at/klangrede

Angeblich ist ja gerade November. Behauptet zumindest der Kalender. Und dieses merkwürdige Wetter da draußen vor der Wundervollen und meine nervige Verkühlung, die behaupten das auch. Aber als Leserin weiß ich es natürlich besser. Dass nämlich eigentlich gerade Sommer ist und ich zusammen mit Simon per Autostopp von Arcachon nach Montpellier unterwegs bin, ihm dabei helfen, seine Freundin zurückzuerobern und so. Die anderen haben Winter, ich hab BZW und in dem bleib ich zumindest so lange versteckt, bis Max de Radiguès höchstpersönlich auf der Buch Wien vorbeischaut und der November wieder einen Sinn hat, weil da ja immer das charmante Festival der frankophonen Comics ist.

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Und weil`s grad so schön weh tut, behalten wir uns doch die licence to grief noch für ein Wochenende, bevor die Gute-Laune-Terroristen und Faschingsprinzen am Elftenelften wieder die Gefühlshoheit übernehmen und gönnen uns einen der schönsten (Trauer)romane dieses Bücherherbstes. Lorenz Langenegger ist ein schlauer, leise-gewitzter Text über Abschiede und Anfänge, über das Erben des Lebenswerks eines anderen und über den Umgang damit gelungen. Ein BZW im Zeichen der Suche nach dem eigenen Platz im Leben, ein Trostbuch für alle Trauernden und eine Empfehlung für alle, die dieses Wochenende mit einem guten Buch verbringen wollen.

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Apropos Trauer. Dank dem letztwöchigen BZW von Milena Busquets sind wir schon mitten drin in der Thematik und da an diesem Wochenende diese paar besonderen Tage im Jahr anbrechen, an denen man mit offizieller gesellschaftlicher Erlaubnis mal so richtig trauern darf, werden wir uns dem voll und ganz hingeben, man gönnt sich ja sonst nichts. Das restliche Jahr über darf man sich dann vom ICD-11 eh wieder sagen lassen, dass länger als eine Woche zu trauern total pathologisch ist und wir gefälligst zu funktionieren zu haben. Dieses Weekend nicht, ellabätsch. Denn mit dem dieswöchigen BZW lässt es sich so richtig gut flanieren, in den eigenen Gefühlskaskaden und den Abgründen der Trauer, einfach vertrauensvoll an diesem Schatz von einem BZW festhalten. We got the licence to grief, entschuldigung das haben wir uns erlaubt.

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Frankfurt ist weit weg und das Gastland der Buchmesse, Spanien, noch viel weiter?
Ach, con calma, sollen die anderen doch nach Frankfurt reisen, wir glücklichen Daheimgebliebenen lesen BZW. Denn was gibt es für ein schöneres Privileg, als sich kopfüber, mit einem tröstlichen café con leche in der Hand, in den neuen autofiktionalen Roman der spanischen Autorin Milena Busquets fallen zu lassen und sich zusammen mit ihr auf ein Neues durch Trauer und Erinnerungen zu kämpfen? Eben, gar nix.

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Aber auch auf der anderen Seite des Ozeans hat man´s nicht leichter mit der Familie – das kann man sehr eindrücklich im dieswöchigen BZW nachlesen, auch einem Debüt übrigens, das im Original allerdings schon um die fünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Sigrid Nunez erzählt uns darin, wie es so war, als Kind eines chinesisch-panamaischen Vaters und einer deutschen Mutter in einer Sozialsiedlung in Brooklyn aufzuwachsen und mühevoll den eigenen Weg zu finden. Das dieswöchige BZW steht also ganz im Zeichen der literarischen Spurensuche, anders als unser armer Held der Vorwoche, der sich mitten im Auge des tobenden Familienorkans befand, können wir uns mit Sigrid Nunez aber einen entspannten, analytischen Blick zurück erlauben, wissen wir doch, dass sie es geschafft hat, raus aus den Umständen, um dann still und leise eine der beeindruckendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit zu werden. Das BZW befiehlt: langsam lesen, hier darf kein Satz durch Herumhudeln verpasst werden!

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Oberösterreicher*innen erkenne ich immer ganz schnell, wenn ich erzähle, ich sei in Traun aufgewachsen. Die schenken mir nämlich ein wissendes, manchmal mitleidiges Lächeln. Alle anderen, die mit der Geographie des viertgrößten Bundeslandes nicht so vertraut sind, denken an Traunsee, Traunfall, den Fluss Traun und den Traunstein, und sagen: „Ah, wie schön!“ Tiefer See, hoher Berg, Dirndlkleider und Lederhosen und mit dem Ausflugsdampfer geht’s zum Steckerlfisch essen. Wunderschönes Salzkammergut.

Ja, durch Traun fließt auch die Traun, besser gesagt, sie fließt an Traun vorbei, aber schließlich befindet sich ja auch die Donau eher am Rand von Wien, obwohl es „an der schönen blauen Donau“ heißt. Also: Für alle nicht Oberösterreich*innen: Traun liegt zwischen Linz und Wels an der B1, bei der Autobahnabfahrt gibt es ein mittelgroßes Shoppingcenter, einen Ikea und eine Mustersiedlung aus Fertigteilhäusern. In meiner Kindheit gab es in der sogenannten Innenstadt noch eine kleine Einkaufsstraße, die kämpft seit Jahrzehnten gegen das viertgrößte Shoppingcenter Österreichs, die Plus-City, die drei Kilometer von Traun entfernt liegt.

In Traun gibt es mehrere Kreisverkehre, eine neugotische Kirche, die zur Gänze vom Rathaus verdeckt wird, ein kleines Schloss und das Kulturzentrum Spinnerei.

Hier bin ich in einem Mehrparteienhaus , inmitten von anderen Mehrparteienhäusern, aufgewachsen. Hinter dem einzigen Hochhaus gab es eine Gstättn, von uns „Wüdnis“ genannt, mit einem Hügel, unter dem ein Kriegsbunker notdürftig zugeschüttet war. Uns Kindern war es streng verboten, da reinzugehen, doch niemand hatte etwas dagegen, dass wir auf dem Bunker im Winter rodelten und im Sommer spielten.

Wenn meine Mutter Kopfweh hatte, bedeutete das: Föhnwetterlage. Dann war der Himmel hoch und weit, und man sah die Berge. Die Berge, die da waren, wo das mit „Traun“ schön ist: den Traunstein, den Erlakogel, auch „schlafende Griechin“ genannt, den Großen Priel und so weiter. Unzählige Wochenende bin ich mit meinem Vater auf eben diese Berge gestiegen, nicht immer ganz freiwillig, aber oft war es auch die einzige Möglichkeit, Papa-Zeit zu verbringen. Unter der Woche arbeitete er, und am Wochenende wollte er auf einen Berg.

Als ich nach der Matura fluchtartig meinen Heimatort verlassen habe, um in Wien endlich mit dem echten, dem wilden Leben zu beginnen, dachte ich nicht daran, jemals wieder auf einen Berg zu steigen. Na gut, vielleicht auf den Nussberg zum Heurigen oder auf den Kahlenberg, um in lauen Augustnächten mit dem damaligen Freund zu knutschen. Aber da konnte man schließlich auch mit dem Auto oder Bus rauffahren.

Doch als ich älter wurde, zogen mich plötzlich die gelben Markierungen der Wanderwege immer mehr an. Wanderurlaube in Osttirol, die Wohnung eines Freundes in Mariazell als Ausgangspunkt für Touren und ja, auch von Wien aus kann man richtige Berge erreichen: Rax, Schneealpe, Ötscher.

Nachdem mein Papa irgendwann nicht mehr gehen, geschweige denn auf einen Berg konnte, schickte ich ihm Fotos meiner Wanderungen, und er wollte immer alles genau wissen: Von wo rauf? Von wo runter? Wie hoch? Wie viele Höhenmeter? Wie lange? Und am Ende meiner Beschreibungen sagte er immer: „Tüchtig!“ So erwachsen kann man gar nicht sein, dass einem das Wort „tüchtig“ aus Papas Mund nicht irgendwie gut tut.

Bevor er die Krücken gegen den Rollstuhl eintauschen musste, schafften wir noch einen gemeinsamen Ausflug, Wir fuhren zum Traunsee, aßen Fisch beim Hoisnwirt und schauten gemeinsam auf den Traunstein, ich ehrfürchtig, mein Papa wehmütig, er erzählte von unserem gemeinsamen Aufstieg – ich glaube, ich war sechzehn – an den ich mich so gut wie nicht mehr erinnern kann.

Und dann ging alles sehr schnell. Mitten in der schlimmsten Corona-Anfangsphase kam er ins Altersheim, immer wieder musste er ins Krankenhaus und obwohl die Ärzte meinten, es wäre nicht so dramatisch, fuhr ich im März 2021 Hals über Kopf nach Linz, mit dem Gefühl, ich müsse mich beeilen. Er lag an diversen Geräten im Krankenhausbett, hielt meine Hand und schien mich nur mühsam zu erkennen. Irgendwann, an diesem langen Nachmittag fragte er mich: „Muss ich jetzt schon sterben?“ „Nein“, sagte ich. „Du stirbst jetzt fix nicht, wir wollten doch im Sommer zum Traunsee fahren.“ Da legte er den Kopf zurück in die Kissen und grinste mich an: „Dann gemma auffi am Traunstein!“

Ob er meine Antwort, ich sei ja auch nicht mehr so jung und so fit und wüsste nicht, ob ich das schaffen würde, noch verstanden hat, weiß ich nicht. Ich glaube, das war unser letzter zusammenhängender Dialog. Zwei Tage später ist er friedlich eingeschlafen.

Und dann setzte sich diese Idee in meinem Kopf fest: Ich muss auf diesen Berg. Irgendwie ist es „unser“ Berg und so richtig verabschieden kann ich mich von meinem Papa nur, wenn ich von ganz oben auf den Traunsee runterschaue.

Wochenlange Planung mit einer Freundin, Probewanderung über die Rax, Studium sämtlicher Wanderkarten, Durchlesen aller Berichte auf den einschlägigen Internetseiten, Ausleihen der Klettersteiggurte, Reservierung eines Doppelzimmers beim Hoisnwirt (erste Nacht), Reservierung zweier Schlafplätze in der Gmundnerhütte (zweite Nacht), große Aufgeregtheit und dann der Anruf der Freundin vierundzwanzig Stunden vor der Abreise: „Ich kann nicht weg, das Kind ist corona-positiv.“

Manchmal bin ich zwar ein wenig impulsiv, aber so verrückt, allein auf so einen Berg zu gehen, bin ich nicht, also wollte ich alles abblasen. Andererseits, konnte man das Hotel nicht mehr stornieren, also vielleicht an den See fahren, spazieren gehen und raufschauen?

Mein Mann (nicht auf Facebook) gab mir den Rat: „Poste es auf Facebook! Vielleicht findet sich jemand?“

Ja aber? Irgendwer? Für so eine Tour? Ein Doppelbett beim Hoisnwirt? Na gut, absagen kann man immer noch. Nun folgten die typischen Socialmedia-Ratschläge zwischen Empörung und Ermahnungen: Der Traunstein wäre gefährlich, so eine Wanderung kein Kinderspiel, in meinem Alter (als Wienerin) sollte man das nicht wagen. Fast war ich ein bisschen froh, als sich niemand meldet, also doch ein kleiner Spaziergang allein am See?

Und dann kam ein unerwarteter Anruf, und eine Frage in breitestem oberösterreichischem Dialekt: „Wüst du Verruckte echt am Traunstoa?“ Stefan stammt aus dem Innviertel und lebt in Traun

„Ja, ich will. Kommst mit?“

„Ja.“

Um zu erklären, wer Stefan ist, muss ich in meiner Trauner Geschichte kurz ausholen. Wie gesagt, nicht alles an Traun war schlecht, so auch meine Schule, das Bundesrealgymnasium Traun. Moderne Architektur, irgendwie weltoffen (zumindest teilweise) und ein paar coole LehrerInnen. Unter anderem meine Französischlehrerin und mein Geschichtelehrer, damals frisch von der Uni und bald meine wichtigsten Bezugspunkte außerhalb des konfliktträchtigen Elternhauses. Sie waren ein Paar, bekamen Kinder, ich war Trauzeugin bei ihrer Hochzeit. Und eine der Töchter, Pia, lernte schließlich Stefan kennen. Stefan aus der Pfarre, obwohl die gesamte Familie komplett atheistisch ist. Unsere Freundschaft ging in die nächste Generation über und Pia und Stefan waren eine große Unterstützung als mein Vater immer gebrechlicher wurde. Altersheim, Krankenhaus und schließlich die Beerdigung. Stefan ist Pfarrassistent in der Stadtpfarre Traun und er war es auch, der das Begräbnis meines Vaters abgehalten hatte. Ein echter Seiltanz, angesichts der wenig gläubigen Hinterbliebenen und dem Anspruch, es so zu machen, das der Vater es für gut befunden hätte. Es war perfekt: würdevoll, christlich und nicht zu heilig.

Und nun wollte er mit mir auf diesen aufgeladenen Berg. Ich fuhr mit dem Zug nach Traun, Stefan holte mich vom Bahnhof ab und am Nachmittag waren wir beim Hoisnwirt. Kaffee und Kuchen, Schwimmen im See, Abendessen und dann gemeinsam im Doppelbett, schließlich hatte ich ja für mich und die Freundin gebucht.

Der Wecker klingelte um halb sechs, in der Küche des Gasthauses lagen unsere Lunchpakete und um sieben Uhr früh stiegen wir in den berüchtigten Naturfreundesteig ein. Die ersten paar hundert Meter etwas zittrig, wir hatten uns geschworen, umzukehren, sollten wir den Anfang zu arg finden. Doch irgendwann waren wir so weit oben, dass Umkehren keine Option war und wir stiegen immer weiter. Ich setzte Fuß vor Fuß, wo es möglich war, sicherte ich mich mit dem Klettergurt, schaute manchmal runter auf den See aber nicht zu oft, weil das mit der Schwindelfreiheit im Alter auch nicht gerade besser wird und irgendwann – nach über fünf Stunden waren wir oben. Ganz oben. Auf dem Traunstein. Mit zittrigen Knien, komplett durchgeschwitzt und erschöpft, aber: Wir waren oben. Und ich habe mehr oder weniger den ganzen Aufstieg an meinen Papa gedacht, na gut, auch ein wenig geflucht und gejammert, aber viel an ihn gedacht, an unsere gemeinsamen Bergtouren auf den Priel, den großen Pyhrgas, das Warscheneck, den Sonnstein …

Leider hatte Stefan keine Zeit für eine weitere Nacht und wir machten uns nach einer Pause auf beiden Hütten wieder an den Abstieg. Diesmal über die Moaralm, das klang ganz gemütlich, konnte also nicht so wild sein. Doch wer tausendzweihundert Höhenmeter raufgeht, muss wohl auch tausendzweihundert Höhenmeter wieder runtergehen, also doch wild. Die letzten zwei Stunden dachte ich viel an die klugen Kommentare auf Facebook: „Traunstein kein Kinderspiel“ „Gefährlich“ „Nichts für Städter*innen“. Und Stefan, der immer vor mir ging, mich mit Müsliriegel und Wasser versorgte und mir, wenn ich der Verzweiflung nahe war, zuredete wie einem kleinen Kind: „Du machst das großartig! Du bist tüchtig!“

Das hätte mein Papa auch gesagt, und nachher hätten wir beide festgestellt, dass es eh nicht arg war. Nun ist mein Muskelkater endlich abgeklungen, meine Erschöpfung hab ich weggeschlafen und ich glaube, wir machen es nächstes Jahr wieder. Zu dritt und mit Übernachtung auf der Hütte.

Dieser Text ist zuerst im Standard-Album (September 2022) erschienen.

 

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